Jüdisches Sachsen

Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur war Sachsen bereits einer der zahlenmäßig größten NSDAP-Gaue im Deutschen Reich. Insbesondere in Zwickau, hier wurde schon im Oktober 1921 die erste sächsische NSDAP-Gruppe gegründet, und von Plauen ausgehend, expandierte die Bewegung im damaligen Freistaat Sachsen und erzielte 1930 bei den Landtagswahlen ihren ersten spektakulären Erfolg.

Waren schon in der Anfangsphase in einer Reihe sächsischer Haftorte auch Juden und Bürger jüdischer Herkunft inhaftiert, so potenzierte sich ihre Zahl während der Eskalation der Verfolgung. Acht jüdische Gemeinden existierten damals in Sachsen: in Annaberg, Bautzen, Chemnitz, Dresden, Leipzig, Plauen, Zittau und Zwickau. Zu ihnen gehörten außerdem Mitglieder, die in kleineren Orten ansässig waren. Bis auf wenige Ausnahmen (in Leipzig und im damals noch nicht zu Sachsen gehörenden niederschlesischen Görlitz) wurden in allen sächsischen Städten die Synagogen und Betsäle verwüstet und zerstört. Ein ähnliches Schicksal traf den jüdischen Friedhof in Annaberg, den ältesten jüdischen Friedhof
in Leipzig und mehrere Feierhallen auf den Friedhöfen. Große Verhaftungswellen begleiteten sowohl die Geschehnisse in und nach der Pogromnacht 1938 als auch die vorangegangene Deportation der polnischen Juden aus Sachsen. Die nachfolgenden Abläufe der vollständigen Ausgrenzung, der Ghettoisierung in sogenannten »Judenhäusern« und der Deportationen der meisten noch in Sachsen lebenden Jüdinnen und Juden und Bürgerinnen und Bürgern jüdischer Herkunft zwischen 1942 und 1945 hinterließen ihre Spuren in den betreffenden Orten.

In Sachsen entstand die weitaus größte Anzahl von Gedenksteinen, Grabsteinen und Mahnmalen für Opfer des Nationalsozialismus bis Ende der 40er Jahre. Bereits in den ersten Wochen und Monaten nach Kriegsende wurden die frühesten Gedenk- und Grabsteine gesetzt. Dabei handelte es sich häufig um die Beisetzung von Opfern der »Todesmärsche« auf den jeweiligen Ortsfriedhöfen wie zum Beispiel in Altenberg oder Delitzsch oder direkt an den Mordstellen wie in Glaubitz. In den meisten Fällen waren die Umgekommenen und Ermordeten zunächst direkt am Todesort oder in der Nähe verscharrt worden. Für ihre spätere Beisetzung engagierten sich sowohl Bewohner der jeweiligen Orte und Pfarrer als auch überlebende Verfolgte, die den Tod ihrer Kameraden als »Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden« sehen wollten, wie es auf vielen der Steine heißt.

Auch in den folgenden Jahrzehnten entstanden trotz veränderter politisch-gesellschaftlicher Bedingungen, die häufig einhergingen mit zunehmender Einengung und Ritualisierung antifaschistischen Gedenkens sowie seiner linearen Koppelung an aktuelle Politik und damit der Abkoppelung vom tatsächlichen historischen Geschehen, noch eine Vielzahl dem konkreten Erinnern und Gedenken gewidmete Denkmäler, Erinnerungs- und Gedenkstätten, sowohl in den großen Städten Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Dresden und Leipzig als auch in vielen kleineren Städten und Gemeinden.

Die grundsätzlichen politisch-gesellschaftlichen Veränderungen nach 1990 führten zu tiefgreifenden Auswirkungen und Veränderungen in bezug auf die verschiedenen Inhalte und Formen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
In vielen sächsischen Orten wurden auf Initiativen einzelner Bürger, von Interessengruppen oder neu entstandenen Organisationen Gedenktafeln und -steine für die Jüdinnen und Juden errichtet, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
(Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Band II. S. 608ff.)
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Diese Übersicht kann und will keinen vollständigen Überblick über alle Orte des Gedenkens und der Erinnerung darstellen. Für weiterführende Recherchen und Informationen stellt die Bundeszentrale für politische Bildung zwei ausführliche Bände zur Dokumentation über Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland bereit. Sie ist die erste Übersicht dieser Art. Darin sind alle Gedenkstätten, auch solche, welche im Laufe der Jahre vernichtet wurden, aufgezeichnet.

Dokumentiert werden zum einen Gedenkstätten, die unmittelbar an Orten des Geschehens, an das sie erinnern, errichtet wurden: auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager und ihrer Außenlager, an Orten von „Arbeitserziehungs-“, „Jugendschutz-“ und „Sonderlagern“, in Gefängnissen und Folterstätten nationalsozialistischer Gewaltorgane wie Gestapo, SA und SS und in Hinrichtungsstätten der NS-Justiz. Zum anderen werden Synagogen und andere Gebäude früheren jüdischen Lebens und späterer Verfolgung, an Orten der „Euthanasie“-Morde und der „Vernichtung unwerten Lebens“, oder auf Friedhöfen und anderen Orten der Verfolgung und des Terrors aufgezeigt.

Für Interressierte gibt es die beiden Dokumente zum --> Download.

Sinnvoll ist auch die Inanspruchnahme von Museen (Heimatmuseum, Stadtgeschichtliches Museum) und Stadtverwaltungen vor Ort. Hier gibt es immer Menschen, die sich mit der Erinnerungen an die Verbrechen der NS-Diktatur auseinander setzen und bereit sind, ihr Wissen weiter zu geben.

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Die Publikation „Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung Dokumentiert Gedenkstätten der Bundesrepublik Deutschland.
Eine Dokumentation. Band I: Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein
Eine Dokumentation. Band II: Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen
http://www.bpb.de/shop/buecher/einzelpublikationen/33973/gedenkstaetten-fuer-die-opfer-desnationalsozialismus-band-i